«Über die Berge zu mir selbst» von Rudolf Wötzel
Ein Banker steigt aus und wagt ein neues Leben.
Rückblickend erleben ältere Menschen ihr Leben oft als steten Wandel bis ins hohe Alter: oft langsam und harmonisch, manchmal abrupt und unerwartet. Solche Veränderungen können kritisch sein: Gefahr oder Chance. Gedient ist einem, wenn man dann nicht allein ist, am besten wenn man eine persönliche Begleitung hat oder wenigstens wenn einem der persönliche Bericht von jemandem vorliegt, der einem vorangegangen ist.
Ein solcher Begleiter-Bericht ist das Buch «Über die Berge zu mir selbst». Darin beschreibt Rudolf Wötzel spannend und hilfreich seinen Ausstieg aus der Banker-Existenz und seine Suche nach einem neuen Leben. Mit 44 Jahren hat er seine Top-Stelle gekündigt und einen Fussmarsch begonnen, von Österreich bis ans Mittelmeer. Diese körperlich herausfordernde, abenteuerliche, faszinierende und manchmal gefährliche Reise war schliesslich auch seelisch herausfordern, abenteuerlich, faszinierend, manchmal gefährlich und hat ihn zu sich selbst geführt. Das Buch ist mit Leidenschaft und Sinnlichkeit geschrieben und nimmt gefangen. – Ob er damit nicht auch für den einen oder andern, die eine oder andere wie ein Bergführer auf unseren eigenen Wegen uns vorangegangen ist?

Der Bergsteiger Rudolf Wötzel
Die Fakten einer Vision
1’800 Kilometer Fussmarsch quer durch die Alpen, von Ost nach West, von Salzburg bis Nizza, 120 Etappen, viele davon hochalpin, 129 Gipfel, darunter 33 Viertausender und 65 Dreitausender, 63 Hütten, 13 Biwaks, fünf Millionen Schritte, 123 Kilometer vertikaler Auf-und ebenso viele vertikaler Abstiege, total 856 Stunden Marsch.
Der dies vollbracht, war lange ein Kletterjunkie, wurde erst gegen Ende, gegen den Süden ein Bergpilger: auf seinen Wegen zu den Gipfeln, auf seinem Weg zu sich selbst. Immer intensiver verarbeitete er seine persönlichen Prägungen durch die Begegnungen mit der Natur und den Menschen und bildete daraus eine neue Persönlichkeit, anfänglich noch recht leistungsorientiert, allmählich auf andere, neue Werte ausgerichtet.
Die Person des Rudolf Wötzel
1963 in München geboren, startet er nach seinem Master of Business Administration am renommierten INSEAD eine erfolgreiche Karriere in der Finanzwelt: Deutschlandchef der Sektion Mergers & Acquisitions der globalen Investmentbank Lehman Brothers und Senior-Unternehmensberater und Investmentbanker für das Topmanagement internationaler Konzerne. Im Dezember 2006 nimmt er aus freien Stücken seinen Hut, begründet es mit Sinnkrise, Burnout, Krankheit und Zweifeln am System. Vom 22. Mai bis 26. Oktober 2007 macht er seine grosse Reise, die nie als Sabbatical gedacht war, sondern immer als Ende von etwas Bekanntem und Anfang von etwas Unbekanntem. Heute lebt er als freier Schriftsteller und Gründer einer Wohltätigkeitsorganisation in Klosters und betreibt das Hotel Höhenwald und seit Sommer 2010 das «Gemsli», eine Gaststätte mit Herberge in Schlappin, am Fusse der Silvretta.
Erfolgreich als Buchautor
Meine persönliche Lektüre
Als gelegentlicher Gast im «Gemsli» sah ich Rudolf Wötzel einmal kurz als den neuen Pächter, noch bevor ich mehr von seinem bewegten Leben wusste. Per Zufall hörte ich dann eine Radiosendung über ihr. Dann erst stiess ich auf das Reisebuch auf die Berge und nach innen. Offen und ehrlich erzählt er darin, wie er vom egomanischen Banker zum suchenden Pilger wurde. (Die Abschnitte der Reisebeschreibung werden mit Rückblenden in seine Banker-Zeit konfrontiert, was eine aufschlussreiche Dialektik erzeugt.)
Der Autor macht es mir nicht leicht, ihm überall zu folgen. Vehement distanzierte ich mich, wenn er – wie einst Hannibal – die Berge mit seinem Herrschergestus bezwingen wollte und dabei oft grosse, nach meiner Meinung unverantwortlich grosse Risiken in Kauf nahm. Er hatte, gottlob, Glück! Doch trieb ihn in meinen Augen dabei noch zwanghaft die Rücksichtslosigkeit dem Leben gegenüber an, war seine frühere Bankermentalität noch stark im Spiel. Erst im Nachhinein sehe ich ein, dass Wötzel eben mit dieser seiner damaligen Persönlichkeit in die andere neue Welt hineinstapfen musste. Je mehr er sich dann aber dem Meere näherte, wurde er, nach ungezählten inneren Dialogen zwischen dem Gipfelstürmer, dem Hedonisten und dem Berg- und Landschafts-Pilger, eine weiche, einfühlsame und freundliche neue Persönlichkeit.
Die Menschen, denen er begegnete, den Bergführern zuallererst, den Frauen und Männer, die ihn beherbergten und bewirteten, und die alten Kollegen, die ihn während eines kurzen Besuches begleiteten, haben mitgeholfen, seine Vision Wirklichkeit werden zu lassen. Er erlebte eine Umkehr und begann ein neues Leben! Alles in seinem Leben wurde neu ausgerichtet, wie die Eisenstäbe unter einem Magnet. «Der Mensch wird Mensch durch Menschen», hat ein kluger Mensch mal geschrieben.
Rudolf Wötzels Sinnieren über seinen Weg zu sich
«Ich spüre, dass sich etwas in mir entwickelt, etwas gänzlich Neues, geradezu Unerhörtes: ein Vertrauen darauf, dass meine Wanderschaft mich nicht nur ans Mittelmeer führen wird, sondern darüber hinaus zu einer neuen Lebensperspektive, die authentischer und erfüllender sein wird als meine bisherige Existenz. Noch ist es vage und unstet, dieses Vertrauen. Doch es wächst mit jedem Schritt, den ich tue. Wenn das Pilgern ist, dann will ich meinen Pilgerweg weitergehen – allen Ängsten und Zweifeln zum Trotz.»
«Ich werde mir Schritt für Schritt bewusst, dass alles in meinem Leben flüchtig ist. Jeder Schritt, den ich tue, ist ein kleiner Abschied, ein Loslassen der Illusion von Dauer, von Festigkeit im Leben. Ich lerne, die Dinge in ihrer Flüchtigkeit zu verstehen – und zu schätzen.»
«Ich darf nicht nur an der Oberfläche meines bisherigen Lebensmodells kratzen! Ich muss tiefer gehen, muss alles hinterfragen, auch eine radikale Richtungsänderung in Betracht ziehen. Auf der Suche nach wirklicher Neuorientierung werde ich meiner delikaten Situation gewahr. Ich stehe vor einer Weggabelung, muss mich entscheiden.»
«Mein Wunsch ist, dass ich meiner eigenen Vergänglichkeit gegenüber gelassener werde. Dass ich mein Leben nun nicht mehr auf morgen verschieben muss.»
«Diese Freundschaft fragt nicht nach Netzwerknutzen, sie gebraucht keine Checklisten. Sie schaut in das Herz des Menschen, und sie prüft, ob beide in dieselbe Richtung sehen.»
«Es verschwindet die Grenze zwischen Haben und Nicht-Haben, ich bin auf mein blosses Sein in der Natur zurückgeworfen und fühle mich plötzlich frei und leicht. Inmitten der Natur verschwinden aller Neid und jeglicher Wunsch mehr zu besitzen – einfach weil auch ringsum niemand etwas besitzt.»
«Wir verlieren die Heimat, wenn wir sie festhalten wollen, wenn wir uns einbetonieren in unsere inneren Trutzburgen. Unser ganzes Leben ist Zwischenheimat.»
«Sinnleere grinst dir überall hämisch entgegen, ob im Büro oder am Berg»
«Wer aber ruhig und gefasst bleibt, der darf hier das Flüstern der Ewigkeit hören, den Herzschlag des Universums spüren.»
«So wurde meine Wanderschaft zum Spiegel meines ganzen Lebens: Erst musste ich lernen und wachsen, dann tobte ich mich voller Ehrgeiz in möglichst grosser Höhe aus, um endlich meinen eigenen Weg zu gehen, nicht in Extremen schwelgend, dafür aber glücklich und zufrieden!»
Wenn mich jemand fragte: „Sag mal, was war eigentlich die wichtigste Erkenntnis für dich auf deiner Wanderschaft?“ so würde ich antworten: „Heitere Gelassenheit!“ Ich fand die fein austarierte Balance zwischen dem Wollen und dem Geschehen-Lassen.»

Vor dem « Gemsli», seinem «Berg(zu)Haus»
Rudolf Wötzel: Über die Berge zu mir selbst. Ein Banker steigt aus und wagt ein neues Leben. Integral Verlag, München 2009, 492 Seiten mit Fotos und Zeichnungen
Mehr über Rudolf Wötzel und sein Werk findet sich im Internet.


