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20 Thesen für ein anderes Schweizer Radio und Fernsehen

 

Fragen, immer von der gleichen Seite stellen, bringt selten viel. Sie einmal von einer andern Seite, beispielsweise einer andern zeitlichen Perspektive, stellen, kann Überraschendes zu Tage fördern.

1991 schrieb ich für «Babylon», eine Zeitschrift der Arbeitsgemeinschaft Medien und Kommunikationskultur, «20 Thesen für ein anderes Schweizer Radio und Fernsehen». Fünfzehn Jahre sind inzwischen verflossen, in denen sich die Medienwelt verändert hat. Der zeitliche Abstand kann vielleicht sichtbar machen, was wir noch nie wahrgenommen haben oder kaum mehr wahrnehmen.

1. Für die Planung und Ausgestaltung eines künftigen nationalen Radios und Fernsehens müssen Bevölkerung und Politiker von der Überzeugung ausgehen, dass die Massenmedien für ein Land ein Gut von hoher politischer und kultureller Bedeutung sind – ähnlich wie die Luftreinhalteverordnung, die Sicherheitspolitik oder die Institution Schule.

2. Primär sind Fernsehen und Radio notwendige Mittel für die soziale Kommunikation der heutigen und zukünftigen Gesellschaft, sekundär erst ein Teil der Wirtschaft mit ihren Marktanteilen und Reichweiten.

3. Bei diesem wesentlichen Teil unseres gesellschaftlichen Lebens, der Massenkommunikation, hat die Kategorie Qualität einen absoluten Anspruch, die Kategorie Quantität bloss einen relativen.

4. Im Blick auf die weltweite Medienordnung ist der Auftrag an ein zukünftiges SRG-Radio und -Fernsehen wohl am besten zu formulieren als Auftrag für ein «kleines Schweizer Lokalradio und Lokalfernsehen».

5. Respektiert man die heutige Situation der Produktion, Verteilung und Nutzung von Medien in unserer Gesellschaft, dann ist eine Beschränkung der Programmstunden und Programminhalte, ein Teilprogramm anstelle eines Vollprogramms also, wohl richtig als Leitidee und realisierbar in der Praxis.

6. Ein solches Radio und Fernsehen soll, wie jede andere nationale Rundfunkanstalt, unsere Wirklichkeit widerspiegeln mit Programmen aus der Schweiz, für die Schweiz und über die Schweiz.

7. Die Einrichtung dieses künftigen Schweizer Radios und Fernsehens bedarf keines revolutionären Aktes. Es kann als eine Evolution aus dem heutigen hervorgehen.

8. Die Reflexion der schweizerischen Wirklichkeit hat im Bereich der Fiktion, mit Spielfilmen und Unterhaltungssendungen, und im Bereich der Non-Fiction, mit Informationssendungen und Dokumentationen, zu erfolgen.

9. Bei diesem Prozess des Ab-Bildens, der immer auch ein Prozess des Vor-Bildens ist, sollte eine Vielfalt verschiedener und sich widersprechender Kulturbegriffe zur Anwendung gelangen.

10. Konzepte für ein neues Schweizer Radio und Fernsehen dürfen weiter nicht bloss auf Finanzkrisen, Einschaltquoten oder Parteienkritik re-agieren, sondern haben zu agieren, nach vorne zu blicken und sich kreativ eine neue Identität zu suchen.

11. Als taktische Leitidee für die Profilierung einer künftigen SRG empfiehlt sich, anstelle des ständig fortschreitenden Anpassens an die Kommerzialisierung der Massenkommunikation, eine klare Abgrenzung anzustreben.

12. Lange Jahre versuchten Radio und Fernsehen einen Innen-Pluralismus. Das heisst, sie wollten innerhalb des einen Programms alle Bedürfnisse abdecken. Ein künftiges Schweizer Radio- und Fernsehen hat mit einem Aussen-Pluralismus zu rechnen. D.h. die SRG soll – als Ergänzung zu den andern Programmen – nur die für uns notwendigen Bilder und Tone bringen.

13. Bevor man aus finanziellen Gründen Sendungen absetzt und Programme ändert, sind grundsätzliche und strukturelle Fragen zu lösen: die Neudefinition des SRG-Auftrages, eine neue Kooperationspolitik und Finanzierungsmodalitäten.

14. Um die komplexe und schwierige Aufgabe der Massenkommunikation erfüllen zu können, benötigt das Schweizer Fernsehen und Radio, ähnlich einem guten Verwaltungs- oder Stiftungsrat, eine starke Trägerorganisation, welche möglichst alle relevanten Gruppierungen der Schweiz repräsentiert.

15. Abzuklären ist auch, ob man eine starke Generaldirektion und schwächere Regionaldirektionen oder umgekehrt eine subsidiär wirkende Generaldirektion mit grösseren Kompetenzen haben will.

16. Für die Finanzierung, deren nationaler Verteilschlüssel ebenfalls zu diskutieren ist, eignet sich vielleicht ein Modell, nach welchem ein Drittel der Finanzen vom Bund, ein Drittel aus Konzessionen und ein Drittel aus Werbung, Sponsoring und dem Verkauf von Eigenleistungen stammen.

17. Breite Kreise des schweizerischen Kulturschaffens wären noch stärker als bisher in die Programme einzubinden, um die Vielfalt nationaler Wirklichkeiten möglicht adäquat darstellen zu können.

18. Damit die ganze Bevölkerung vom (heute möglichen) Aussen-Pluralismus profitieren kann, haben PTT und Private weitere Vermittlungskanäle (Relaisstationen und Verkabelungen) für ausländische Radio- und Fernsehprogramme einzurichten.

19. Der öffentliche Diskurs über die Massenmedien Radio und Fernsehen kann indes nur gelingen, wenn wir alle gegenüber den Massenmedien konfliktfähiger und toleranter werden.

20. Die Diskussion über einen neuen Schweizerischen Rundfunk darf durchaus aus einem gesunden Selbstvertrauen heraus geführt werden: Wir hatten und haben ein gutes Radio und ein gutes Fernsehen und werden auch künftig über ein solches verfügen, wenn die Verantwortlichen die Planung der Zukunft aktiv in die Hände nehmen und wir alle «uns in unsere eigenen Angelegenheiten» (Max Frisch) einmischen.

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